Die mittelalterlichen Dachwerke

Das Dachwerk über dem Langhaus der Gudower St.-Marienkirche stammt noch aus der Zeit der Romanik und wurde im Jahre 1241 errichtet und zählt zu den ältesten Dachwerken Schleswig-Holsteins. Beim Langhausdach handelt es sich in seiner ursprünglichen Konstruktion (vgl. Rekonstruktionszeichnung) um ein einfaches Kehlbalkendach mit zwei senkrechten Hängestreben. Die Verblattungen sind gerade und ohne Vorsätze, die Blätter stehen zumeist etwas über die Sasse hinaus. Alle Sparren wurden sauber und scharfkantig zugehauen. Hängestreben und Kehlbalken haben sehr schlanke Dimensionen. Die Abbundzeichen wurden nur über der Südseite des Schiffs mittels Reisshaken in Form von additiven Strichen über den Knotenpunkt von Sparren und Kehlbalken gezogen. Die Zählung erfolgt dabei von Ost nach West.

Zwei Abbundseiten

Blattsasse

 

Die Besonderheit des romanischen Dachstuhls von Gudow besteht darin, dass er zwei Abbundseiten hat. Eine nach Osten für die Kehlbalken und eine nach Westen für die Hängestreben. Die Sassen wurden im saftfrischen Holz sauber ausgestemmt. Das Eichenholz, das im romanischen Dachstuhl der Gudower Kirche Verwendung fand, ist im Vergleich zu Dachwerken dieser Altersklasse in Mecklenburg-Vorpommern relativ krummwüchsig. Die Bäume scheinen jedenfalls nicht mehr aus unberührten Waldgebieten zu stammen. Hier stellt sich die Frage nach der frühen Siedlungsgeschichte des Gudower Raumes.

Das Sparrengebinde direkt am Westgiebel des Langhauses stammt aus der Gotik und wird der Zeit um 1386 zugeordnet - Hakenverblattung an Kehl- und Hahnenbalken.

Um 1650 wurde der hölzerne Schiffsostgiebel im Rahmen größerer Reparaturmaßnahmen an der Kirche nach dem 30-jährigem Krieg erbaut. Ursprünglich dürfte sich hier ein in Feldsteingipsmauerwerk errichteter romanischer Schiffsostgiebel befunden haben, der vermutlich wegen Baufälligkeit abgebrochen wurde. Ihm folgt das erste Sparrengebinde über dem Chorhaus, welches ebenfalls um 1650 aus Eiche errichtet wurde.

Kehlbalken

Hakenverblattung

 

Der Kehlbalken wurde noch mittels Blattung mit den Sparren verbunden (geklammert). Der darüber liegende Hahnenbalken weist jedoch im Gegensatz dazu schon eine Verzapfung auf.

Die nächste Reparaturphase fällt in die Zeit um 1687, als die gesamte Langhausdecke erneuert wird, und zwar in der Art, dass drei Hängewerke mit einem langen Überzug die Deckenbalken abhängen, die wiederum zum großen Teil in zwei Hälften eingebaut wurden. Leider wurden im Rahmen dieser Baumaßnahmen alle romanischen Hängestreben entfernt. Die Aufrichtung zweier stehender Stühle auf der Nord- und Südseite, parallel zu den Außenwänden, scheint auch in diese Zeit zu fallen.

 

 

Dachwerke über dem Chorhaus

 

Nut für Windbrett

Die Dachwerke über dem Chorhaus der Gudower St.-Marienkirche stammen aus der Zeit der Gotik und sind in Eiche ausgeführt.

Das Dachwerk über der gotischen Chorhausverlängerung stammt von 1335, wobei zwei der drei Deckenbalken auch dieser Zeit zugeordent werden. Die Gebinde sind jedoch völlig unterschiedlich ausgeführt. In diesem Dachstuhlabschnitt dominiert die Schwalbenschwanzblattung. Optisch sehr schön ist auch das einzige mittelalterliche Kreuzstrebengespärre, welches sich direkt oberhalb des mittelalterlichen Altartisches in der gotischen Chorverlängerung befindet. Daneben haben sich auch einige mittelalterliche Sparrenknechte, sowie zwei gotische Windrispen erhalten. Auch haben sich die Reste eines einstmals gotischen Einschubs (Nut am Dachbalken) erhalten.

Das Dachwerk über dem romanischen Chorhaus stammt, wie auch alle vier Deckenbalken, von 1386. Nur der sehr schlanke Deckenbalken direkt am Chorbogen stammt von 1335. Reste des einstmals romanischen Dachwerks haben sich leider nicht erhalten. Hier ist das Hakenblatt die verbindliche Verblattungsform für Kehlbalken und Hahnenbalken. Die Abbundzeichen befinden sich auf der Nordseite und sind als additive Beilhiebe ausgeführt.

 


Quellenhinweise:

Gefügekundlich-baugeschichtliches Gutachten für das Dachwerk der Marienkirche zu Gudow, Berlin,  2005, Steffen-Tilo Schöfbeck M.A.

Dendrochronologisches Gutachten der Universität Hamburg, Abt. Holzbiologie, über den Marienkrönungsaltar der St.-Marienkirche zu Gudow, 2008, Sigrid Wrobel, Dipl. Holzwirt.

„Die Reformation in Lauenburg“ , Pastor Fischer-Hübner, Seite 97

„Die kirchliche Kunstarchäologie des Kreises Herzogtum Lauenburgs“, Theodor Hach , Lübeck, 1886.

„Die Lübecker Glockenkunde“ von Prof. Dr. Theodor Hach, Lübeck, 1913

„Das Kirchgeläut unserer lieben Frauen zu Gudow“, „Die große Strahlbornglocke von 1730“, Lauenburgische Heimat, März 2005, Nr.169, Lutz Meincke, Gudow.

„Die Glockenabgaben der Kirchengemeinde Gudow 1917/18“, Lauenburgische Heimat,  April 2008, Nr.178, Lutz Meincke, Gudow.

Überarbeitung  2009 – Lutz Meincke, Gudow